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Es klopft nicht – es sirrt!

1. März 2008 | Geschrieben von Petra Metzger

Ein Gespräch mit Franz Hohler über seinen Roman „Es klopft“, sein nächstes Buch, das Schreiben an sich, den ‚Salzburger Ehrenstier’ und seinen 65. Geburtstag – geführt von Petra Metzger. © Christian Altorfer altocard@bluewin.ch

Er ist nicht nur ein fleißiger Schreiber, sondern auch ein ebensolcher Vorleser. Um Franz Hohler zu Hause zu erwischen, braucht es mehr als einen Versuch. Wer sich einen Eindruck über die Fülle seiner Leseauftritte verschaffen will, wird auf www.franzhohler.ch bestens bedient. Gerade ist er mit seinem Roman „Es klopft“ unterwegs und gibt allerorts gut besuchte Kostproben aus dem Leben des gutsituierten HNO-Arztes Manuel Ritter, der einen kurzen aber tatsächlich nachhaltigen Kontakt zu einer ihm unbekannten Frau schon beinahe vergessen hat. Als ihm sein Sohn seine neue Freundin vorstellt, erwacht in dem Familienvater die Erinnerung an jenes weit zurückliegende Ereignis. Damit ist nicht allein seine Ruhe dahin. Ritter bemerkt zudem höchst unangenehme Klopfzeichen aus seinem Inneren; fortan wird der Ohrenarzt von einem Tinnitus gepeinigt. Der feine hintersinnige Humor mit dem Franz Hohler über ein bürgerliches Dasein erzählt, das durch ein ebenso unbedachtes wie unverarbeitetes Ereignis aus der eigenen Vergangenheit aus den Fugen gerät, gewinnt zusätzlich durch seine verschmitzte Vortragsweise. Das lässt sich natürlich nicht nur live sondern auch auf dem Hörbuch nacherleben. Die ungekürzte Lesung des Autors ist auf vier CDs gebannt. Hier eine Hörprobe:

Ob es sich bei „Es klopft“ um eine moralische Geschichte handelt, will ich von Franz Hohler wissen. „Das kann man so sehen, muss man aber nicht“ – lautet seine salomonische Antwort. Dass er es auf keinen Fall so gemeint hat, wird rasch klar. Denn Begriffe wie Fehltritt oder Verfehlung, die einem zu Ritters Verhalten in den Sinn kommen könnten, benutzt der Autor in seinem Roman absichtlich nicht. Das geordnete, gutbürgerliche Leben des Arztes ruft in ihm weder Sehnsucht noch Schrecken hervor. Es ist die Bruchlinie, der Riss, der sich auf der Oberfläche abzeichnet, der sein eigentliches Interesse weckt. Sein Ansatz ist eher psychologisch als moralisch. Franz Hohler ist sicher: „das Unerledigte kommt zurück. Manuel Ritter macht etwas, das Folgen hat – aber er stellt sich diesen Folgen nicht.“ Hohler betont, sein Metier sei das Erzählen, nicht das Urteilen. Er schreibe nicht, um einer Botschaft willen oder aus einem moralischen Impetus heraus. Doch gleichzeitig räumt er ein, „wirklich wertfreies Erzählen gibt es nicht“.


Da war doch noch was...
Ritters Tinnitus, der Klopfgeist, der unvermittelt in seinem Ohr auftaucht, repräsentiert für Hohler denn auch weniger Strafe für falsches Handeln als eine Meldung des Ich, dass da noch etwas Wesentliches in seinem Leben zu bemerken und erst recht zu begreifen ist. Ob er denn Ahnung davon habe, woher sein eigener Tinnitus rühre, lautet eine meiner Fragen. Ich hatte mit Interesse in einem Zeitungsinterview gelesen, dass der Autor selbst unter diesem Symptom leidet. Er lacht und verneint und stellt die Unterschiede zu Manuel Ritter heraus. In seinem Kopf, so erfahre ich, klopft es nämlich nicht, vielmehr sirrt ein hoher Ton im Ohr des Autors und zum Glück auch so dezent, dass sich sein Tinnitus nicht annähernd so einschränkend auswirkt wie der des fiktiven Ohrenarztes.


„Ich-Bücher“ mit Alltagsgeschichten
Schon ist für den Herbst ein neues Buch angekündigt. Es wird „Am Ende eines ganz normalen Tages“ heißen und wieder parallel als Hörbuch erscheinen. Ich bitte ihn um einen kurzen Vorgeschmack. Franz Hohler zieht den Vergleich zu der Textsammlung „Zur Mündung", denn wie dieses umfasst das angekündigte Buch eine Reihe kürzerer Alltagsgeschichten. „Beide gehören in die Reihe meiner ‚Ich-Bücher’“, sagt Hohler und erläutert „das sind Bücher, die sehr persönlich sind und selbst erlebte Begebenheiten aufgreifen.“ Es handelt sich nicht immer um Erlebnisse. Manchmal sind es Reflexionen. In seinem neuen Erzählband geht es in einer Geschichte zum Beispiel um Gedanken zur eigenen Herkunft. In dem Fall klopft die Vergangenheit, in Gestalt seiner beiden Großväter an. Doch gehört Franz Hohler nicht zu denjenigen, die ständig mit Bleistift und Notizblock unterwegs sind, um jeden Gedanken unmittelbar zu fixieren. Wenn ihm tagsüber etwas Bemerkenswertes begegnet ist oder ihn beschäftigt hat, notiert er es am Abend. Das Unerledigte meldet sich von selbst zur Schlafenszeit, erfahre ich. Dann wird es durchdacht, notiert und gebannt. Das ist der Stoff, aus dem die ‚Ich-Bücher’ sind; „Texte, die ich schreiben musste, weil ich darin etwas Bestimmtes festhalten wollte“ sagt der Autor. Vielleicht auch ein Grund dafür, dass sein Tinnitus so sanft ist, dass er ihn ungestört schlafen lässt.


„Ich weiß nicht, wie die Geschichte geht.“
Hohler ist ein eher intuitiver Schreiber, der gerne dem Moment vertraut. Was er plant sind nicht seine Geschichten – auch nicht die längeren wie „Es klopft“ – aber die Zeiträume, die er für das Schreiben benötigt. Für „große Aufgaben“ wie einen Roman, räumt er systematisch zusammenhängende Zeitblöcke frei. Dann beginnt er zu schreiben, ohne vorab die Struktur oder Entwicklung des Ganzen zu kennen und spinnt diesen Ursprung weiter. Wohl dem Autor, der sich auf den Musenkuss verlassen kann. Franz Hohler kann das in mehr als einer Hinsicht. Der Autor blickt auch auf eine langjährige Karriere als Kabarettist zurück. Dafür erhält er jetzt den „Salzburger Ehrenstier“. Als der „Salzburger Stier“ als Preis für Nachwuchskünstler im Bereich Kabarett von den öffentlich-rechtlichen Radiostationen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Südtirol 1982 erstmalig ausgelobt wurde, war Franz Hohler beteiligt und mit seinen Ein-Mann-Programmen schon längst etabliert. Drei Mal hat er selbst als Pate jüngeren Kollegen die Auszeichnung überreicht. Nun wurde für ihn der „Ehrenstier“ geschaffen, den Franz Hohler für sein kabarettistisches Gesamtwerk bekommt.


Der Kabarettist setzt sich zur Ruhe
Die Verleihung liegt gar nicht so weit von Hohlers 65. Geburtstag entfernt. Er berichtet von einem befreundeten Arzt, der gerade dieses Alter erreicht hat und nun in Pension geschickt wird, obwohl er gerne weiter praktizieren würde. Da geht es dem rührigen Autor ganz anders. Er packt den Ehrenstier bei den Hörnern und schickt den Kabarettisten Franz Hohler in den Ruhestand. „Auf diesem Gebiet habe ich keine großen Pläne mehr.“ Doch der vorlesende Schriftsteller Franz Hohler bleibt weiterhin aktiv. Er schreibt und begeistert mit kleinen bühnenwirksamen Texten und tourt und tourt und tourt. Denkt er vielleicht schon wieder über Freiräume für eine nächste größere Arbeit nach? Und wieder lacht er und antwortet weise und zurückhaltend wie zu Beginn unseres Gesprächs: „Ich habe immer etwas Neues in Arbeit – aber darüber verrate ich noch nichts.“


Wir gratulieren herzlich zum 65. Geburtstag am 1. März und erwarten gespannt, was künftig in Franz Hohler klopft und sirrt und sich zur Bearbeitung meldet.

 
 

Kommentare

  1. Tahsin (Homepage) 11.02.2012 03:29 - (Antwort)

    Hey, wollte nur mal sagen, dass ihr wirklich ne super Seite hier habt!

 

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