Sprachliche Hupkonzerte!
Thomas Krüger ist in die Kölner Katakomben des WDR gekrochen und hat einen Schatz gehoben:
Charles Dickens „David Copperfield“, eine 7einhalbstündige Hörspielfassung des WDR von 1957, in der vor allem die Kapitel zu Davids Jugendjahren im Vordergrund stehen. Uns gibt er seine ganz persönliche Schatzkarte zur Hand - Thomas Krüger über den großen Hörspiel-Klassiker:
Nein, es knistert nicht. Auch wenn die akustische Täuschungsbereitschaft des Hörers so etwas erwartet bei einer Aufnahme aus dem Jahr 1957. Es klingt … anders. Vieles wird ja besser, wenn es lange liegt. Bei Rotwein soll es so sein. Und bei Hörspielen?
Ja, auch hier. Bei diesem zumindest. Auf seltsame Art. Der Sprecher beginnt mit ein paar Sätzen zu Charles Dickens. Unverkennbar die 50er Jahre. Ein wenig steif, ungefähr so wie Reitstiefelleder. Auch das Englisch – hervorragend falsch betont. Dickens schrieb für das „Landen Mäggezzein“ heißt es. Der DAAD-geprägte Hörer schmunzelt. Dann beginnt das Hörspiel. Zunächst spricht der Erzähler und stellt klar: Jetzt nur keine Aufregung. Prima! Der Sessel ist weich. Wie war das mit dem Rotwein?
Auftritt Betsey Trotwood und Klara Copperfield, Davids Mutter. Betsey wiegt stimmlich etwa 5 Tonnen und geht als Gouvernante wie als Allzweckwaffe durch. In den Buch-Illustrationen des legendären Phiz war Tante Betsey eine dürre, energische Person. Doch damit lag der Illustrator falsch – dem Dickens übrigens hin und wieder vorwarf, seine Bücher nicht wirklich gelesen zu haben. Dickens beschrieb die Frau genau so, wie Trudik Daniel sie darstellt: als robuste, raumgreifende Person, deren Stellung ihr zwar verbietet, mit dem Kochlöffel um sich zu schlagen, die aber ähnlich wirksame Mittel standesgemäßer Art zu nutzen weiß. Es kommt Farbe ins Spiel.
Klara ist verträumt, unterwürfig. Sie entspricht vermutlich dem Ideal sowohl des Viktorianischen Zeitalters wie der Adenauer-Ära – und nun könnte der Kritiker das Messer holen bzw. das längst geholte wetzen. Doch Vorsicht, Kollege: für Dickens ist Klara kein Ideal. Sie geht sang- und klanglos unter mit ihrer Schwäche. Immer wieder kann man bei Dickens vermuten, er sei ein konservativer Verfechter seiner konservativen Zeit gewesen – und immer wieder unterläuft er diese Kritik.
Dann, nach einer knappen Viertelstunde, der junge David – gespielt, nicht nur gesprochen, von Wolf Osenbrück, der in einer weiteren historischen Aufnahme fast zeitgleich im damaligen SDR auch den Oliver Twist spielen wird. Er spricht und deklamiert mit einer solchen Ergriffenheit, dass die Szene sofort weitere Farbe bekommt. Jene Farbe etwa, die Filme wie „Vom Winde verweht“ heute, nach vielen Jahrzehnten Archivlagerung, zeigen. Es ist eine besondere Art von Nostalgie, die das Hörspiel ausstrahlt – auch wenn das Wort „Nostalgie“ noch immer verpönt ist. Und noch immer herrscht im Stück keine Aufregung – aber eben Teilnahme. David steht da in seinem vollkommenen Staunen gegenüber der Welt, die ihm kaum Schutz bietet. Dennoch: ihm fehlt jegliches Mißtrauen. Seine Naivität ist erstaunlich. Und wieder macht der Kritiker entscheidende Fehler, wenn er ihn, David, und ihn, den Autor, unterschätzt: David wird sich durchsetzen. Seine Offenheit ist – künstlerisch überzeichnet – genau die richtige Einstellung, sich die Welt zu erschließen, weil er auf sie zugeht. Zermäkelung und post-existentialistischer Rückzug sind Dickens‘ Sache nicht. Er wollte Veränderung – nicht den Beweis, dass er Recht hatte mit seinem Pessimismus.
Die generationenübergreifende Handlung des knapp 1000-seitigen Romans „David Copperfield“ kommt in der 7einhalbstündigen Hörspielfassung des WDR von 1957 vor allem in den Kapiteln zu Davids Jugendjahren zur Sprache – im besten Wortsinn. Der Duktus des Stücks ist der des gehobenen, literarischen Erzählens. Jeder Satz ist metrisch abgestimmt. Die Bögen sind weit gespannt – und das tut gut, mit Rotweinglas in der Hand, Sessel unter dem Hintern und Kaminfeuer vor dem glühenden Gesicht. Hupkonzerte – auch sprachliche – bietet der abwechslungsreiche literarische Alltag genug.
„David Copperfield“ so wird gern gesagt, passt in ein biedermeierliches Zeitgefüge. Kaum ein Stoff scheint geeigneter für die Umsetzung in den großen, theaternahen Hörspielinszenierungen der 50er, frühen 60er Jahre, denn damals war das Hörspiel ein Familienereignis. Der Roman ist ein Familienroman und das Hörspiel verzichtete auf Experimente. Es erzählte. Es baute Stimmung auf. Es verstörte nicht. Das kann man sicher alles gegen ein Hörspiel einwenden – aber die Ästhetik der erweiterten Nachkriegszeit hatte im Falle von LiteraturÂvertonungen einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: sie drängte den Text nicht beiseite, um ihm zu zeigen, was die Kunst sonst alles kann. Das klassische erzählende Hörspiel ist zuallererst Literatur-Hörspiel. Es ordnet sich der Literatur unter, nicht umgekehrt.
So entwickelt sich die erzählte Handlung des Hörspiels eng am Text des Buchs. Sie wird vorgebracht in jenem Duktus, der den hochmoralischen Anspruch des viktorianischen Zeitalters in den Moralismus der 50er Jahre einbindet. Was man – womöglich – in den späten 60er/70er Jahren schlimm fand, weil „konservativ“, vielleicht gar reaktionär. Aber diese ideologischen Verbissenheiten – die nur in Verkennung der progressiven Aspekte im Werk Dickens’ möglich waren – spielen heute kaum noch eine Rolle. Im Grunde setzt die Wertung des Hörspiels heute da wieder an, wo schon George Orwell den Autor Dickens sah. Er schrieb nämlich: Kein Autor hat sich so sehr in die Perspektive eines Kindes versetzen können wie Dickens. Ich mag etwa neun gewesen sein, als ich zum erstenmal David Copperfield las. Die Atmosphäre der Anfangskapitel leuchtete mir so unmittelbar ein, daß es mir vorkam, als wären sie von einem Kind geschrieben. Und doch, wenn man das Buch als Erwachsener wiederliest und Charaktere wie etwa die Murdstones von gigantischen Figuren zu halb-komischen Monstren schrumpfen sieht, so haben diese Stellen nichts eingebüßt. Dickens konnte die kindliche Psyche von innen wie von außen darstellen, so daß dieselbe Szene wilde Burleske oder düstere Realität sein kann, je nach dem Alter, in dem man sie liest.
Orwell hat klug erkannt, welchen Einfluss die Sichtweise des kindlichen Protagonisten auf die Stellung des Buches zur Welt hat. Da die kindliche Perspektive bei Dickens immer eine Rolle spielt, ist die Welt, auch wenn sie grausam ist, bei Dickens stets eine Welt, in der Veränderung zum Besseren möglich ist, denn die Entwicklung des Kindes ist naturgemäß eine, in der sich die Welt wandelt. Nur wer dieses Grundprinzip außer Acht lässt, kann Dickens einen Rang als Weltliterat absprechen – und wer übersieht, wie progressiv das Buch letztlich ist: ein Buch, in dem die Geburt eines Jungen (David) zu enttäuschten Reaktionen führt, weil man/frau (Betsey Trotwood) sich ein Mädchen wünschte. Ein Buch, in dem Prügelstrafe und strenge, lieblose Erziehung zugunsten einer gradezu modernen, auf Einfühlung und Liebe setzenden Pädagogik abgelehnt werden; und ein Buch, in dem die Ansichten eines geistig Verwirrten (Mr. Dick) nicht automatisch als abnorm gewertet, sondern ganz selbstverständlich wahr und ernst genommen werden.
So ist das Hörspiel heute – zu Recht – als Klassiker gerühmt. Es hat seinen ganz eigenen Charme, und wer sich diesem Charme hingibt, wird eben Parallelen zu Filmen wie „Vom Winde verweht“ oder „Krieg und Frieden“ finden. Das große Hörspiel der damaligen Zeit konnte den Rahmen großer Filme sehr viel leichter aufspannen als die Filme selbst. Abendfüllende Hörspiele gehörten zur „Grundversorgung“ – und sie wurden gern gehört. Das Hörspiel tat alles, um sich einzuprägen. Inszenierende Elemente etwa – in London, in den Stuben, am Meer bei Yarmouth – wurden nur sehr dezent gesetzt. Nicht, um aufzufallen, sondern um der Sprache einen Klangboden zu geben.
Um die Popularität des Genres damals zu erklären, muss man zweifellos auch die Besetzung des Hörspiels heranziehen. Die Mitwirkenden bei „David Copperfield“ gehörten zu den Großen des damaligen Ohrenkino: Der Erzähler Helmut Peine war ein bekannter Hörspielsprecher und trat als TV-Star in der Kult-Serie „Stahlnetz“ auf. Richard Münch war in diversen Edgar-Wallace- und Jerry-Cotton-Filmen zu sehen, spielte in „Der längste Tag“ und brachte mit Dieter Hildebrandt, Wolfgang Neuss und Werner Fink sehr früh Kabarett ins Fernsehen. Walter Richter ist bekannt als der erste – und für viele beste – Tatort-Kommissar Trimmel. „Die Stimme“ Christian Brückner spielte mit: damals 14 Jahre alt und vermutlich in einer seiner ersten Rollen. Lotte Koch war Filmpartnerin von Hans Albers und stand neben Gustav Gründgens und Zarah Leander vor der Kamera. Kaspar Brüninghaus hat bei zahlreichen großen WDR-Hörspielproduktionen mitgewirkt. Alf Marholm war seit den 50er Jahren ein bekannter Schauspieler – und wurde später noch einmal sehr populär, als Verwaltungsdirektor Mühlmann in der ZDF-Serie „Schwarzwaldklinik“. Legendärer jedoch waren seine Auftritte in „Das Halstuch“ oder „Das Totenschiff“. Heinz von Cleve gehörte ebenfalls zum Ensemble von „Das Halstuch“ – und man konnte ihn in zahlreichen der berühmte Paul-Temple-Produktionen hören. Ingeborg Christiansen war noch in den 80er Jahren ein Star – in der populären Serie „Das Erbe der Guldenburgs“. Und der Regisseur des Hörspiels, Kurt Meister, machte seinem Namen mit großen Poduktionen u.a. zu Karl May („Old Surehand“, „Der Schatz im Silbersee“, „Winnetou“) sowie der Krimi-Hörspielreihe „Reporter Rex Rendal“ alle Ehre.Â
Den ganz eigentümlichen Charme von „David Copperfield“, seine Patina, macht aber wesentlich und auf eigene Art das schon eingangs erwähnte, unvergleichlich falsche „Englisch“ aus. Natürlich ist dies ebenfalls Signet der 50er Jahre und vielleicht ein „Manko“ – gipfelnd in der Aussprache Uriää Hiip. Doch man gewöhnt sich erstaunlich schnell an solche Macken und stellt bald fest: Korrektheit in der Aussprache würde sogar stören – schließlich ist das Hörspiel ein Produkt seiner Zeit und wird als solches angenommen.
Diesen Umstand akzeptiert auch die Fachkritik, wenn sie schreibt: Eine schöne Bearbeitung aus den 50er Jahren mit wunderbaren Sprechern: Die Kindheit Copperfields wird recht ausführlich erzählt, die Episoden aus dem Leben des erwachsenen Copperfield sind auf dramaturgische Schließung hin zusammengekürzt. Hat eine Wiederaufnahme in den Sendeplan des WDR durchaus verdient.

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