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Augen auf ...

 

... für Juli Zeh

27. November 2009 | Geschrieben von T-Team

In unserer Kategorie „Augen auf ...“ wollen wir regelmäßig interessante Autoren vorstellen, deren Arbeit wir sehr schätzen. Heute möchten wir Euch Juli Zeh vorstellen.
Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, gehört zu den erfolgreichsten jungen Schriftstellerinnen, die Deutschland zu bieten hat.

Schon als Kind schrieb sie heimlich, doch nach ihrem Abitur studierte sie zunächst Jura in Passau und Leipzig, dem Fach, in dem sie 1998 ihr erstes Staatsexamen mit Bestnote machte. Studienschwerpunkt war das Völkerrecht, insbesondere das „Nation Building“. Darauf folgte ein Aufbaustudium zum Recht der Europäischen Integration. Während ihres Referendariats arbeitete sie bei der Deutschen Botschaft in Zagreb und in der Wahlstation des OHR in Sarajewo, absolvierte ein Praktikum bei der UNO in New York und betrieb Osteuropastudien in Krakau. Derzeit arbeitet sie an ihrer Dissertation über den Status des Kosovo aus völkerrechtlicher Sicht.

Das Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig (DLL), an das sie später als Dozentin zurückgekehrt ist, hatte Zeh 1996, noch vor Abschluss des Jurastudiums, begonnen und im Jahr 2000 mit dem Diplom abgeschlossen. 2003 folgte das zweite Staatsexamen. Als diplomierte Autorin begann sie, Kurzgeschichten und Essays zu veröffentlichen. Ihr Debutroman „Adler und Engel“, der 2001 beim Schöffling & Co. Verlag erschien und mittlerweile in 28 Sprachen übersetzt wurde, erhielt auf Anhieb große Anerkennung. Der Roman erzählt die Geschichte von Max, einem erfolgreichen Völkerrechtsexperten, der nach dem Selbstmord seiner einzigen Liebe Jessie im Drogensumpf untergeht. Zu einer Reise in seine Vergangenheit gezwungen, muss er jedoch erkennen, dass seine und Jessies Geschichte Teil des Dramas auf dem Balkan waren. Ihre seltsame Liebe ist ein Produkt jenes zynischen Miteinanders von Bürgerkriegshelden, Völkermördern, Drogenhändlern und UNO-Politikern, die Schreckliches zulassen, um noch Schrecklicheres zu verhindern. Der Roman ist Polit-Thriller, Krimi und verzweifelte Liebesgeschichte zugleich. Juli Zeh wurde dafür 2002 mit dem Deutschen Bücherpreis, dem Förderpreis des Bremer Literaturpreises und dem Rauriser Literaturpreis ausgezeichnet. Der Per Olov Enquist-Preis folgt 2005.

Auf einer Reise durch die vom Krieg zerstörten Länder des ehemaligen Jugoslawien im Sommer 2001 taucht Juli Zeh in eine Welt des prekären Friedens ein. Sie begegnet Menschen und Landschaften mit unvoreingenommenem Blick und hält diese sehr persönlichen Eindrücke in ihrem Reisebericht „Die Stille ist ein Geräusch“ (Schöffling & Co. Verlag), der 2002 erschien, fest. Sie gewinnt damit den Hölderlin-Förderpreis (2002) und den Ernst-Toller-Preis (2003). In Mostar, Sarajewo, Tuzla und Srebreniza, überall, an Gebäuden und Menschen, findet sie Spuren vom Krieg vor, aber auch die Gewissheit, dass das Leben weitergeht.

Der zweite große Roman „Spieltrieb“ erschien 2004 beim Schöffling & Co. Verlag. Der Schauplatz der Handlung ist ein Gymnasium in Zehs Heimatstadt Bonn. Er greift die Thematik einer jungen Generation auf, die unfähig zur Empathie ist. Zwei hochintelligente Schüler, die sich von aller Moral gelöst haben, treiben ein grausames Spiel mit einem Lehrer. „Spieltrieb“ wurde 2006 am Hamburger Schauspielhaus für die Bühne dramatisiert und 2008 mit dem Prix des Cévennes ausgezeichnet.

Mit „Schilf“ (Schöffling & Co. Verlag, 2007), auf dem ersten Blick „nur“ ein Kriminalroman, beschäftigt sich ein weiteres Buch mit dem Problem persönlicher und gesellschaftlicher Werte.
„Wir haben nicht alles gehört, dafür das meiste gesehen, denn immer war einer von uns dabei. Ein Kommissar, der tödliches Kopfweh hat, eine physikalische Theorie liebt und nicht an den Zufall glaubt, löst seinen letzten Fall. Ein Kind wird entführt und weiß nichts davon. Ein Arzt tut, was er nicht soll. Ein Mann stirbt, zwei Physiker streiten, ein Polizeiobermeister ist verliebt. Am Ende scheint alles anders, als der Kommissar gedacht hat - und doch genau so. Die Ideen des Menschen sind die Partitur, sein Leben ist eine schräge Musik.
So ist es, denken wir, in etwa gewesen.“

Juli Zehs neuer, 2009 erschienener Roman „Corpus Delicti“ (Schöffling & Co. Verlag) spielt im Jahr 2057. Grundlage des ganzen Staatswesens ist die „Methode“ geworden, das heißt, der Staat zwingt seine Bürger zu gesundheitlicher Prävention und behandelt selbst das Rauchen einer Zigarette als Delikt. Das Drama wurde bei der Ruhrtriennale 2007 uraufgeführt.
Anfang Februar 2008 reichte Juli Zeh beim Bundesverfassungsgericht eine Verfassungsbeschwerde gegen den damaligen Innenminister Schily ein, da die obligatorische Erfassung von Fingerabdrücken im biometrischen Reisepass keine wirksame Maßnahme der Sicherheitspolitik, sondern als „sinnloser Grundrechtseingriff“ ein „grundsätzliches Problem in einer freiheitlichen Gesellschaft“ darstelle. Bislang habe noch kein Politiker erklären können, wie die Erfassung einen Terroranschlag verhindern solle, da in keinem der bisher durchgeführten oder geplanten Attentate gefälschte Pässe eine Rolle gespielt hätten.

Juli Zeh lebt heute in einem Dorf im brandenburgischen Havelland.

Quelle: Portrait der Autorin Juli Zeh von Ruth Lisa Knapp

 
 

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