Augen auf ...
... fĂŒr Juli Zeh
In unserer Kategorie âAugen auf ...â wollen wir regelmĂ€Ăig interessante Autoren vorstellen, deren Arbeit wir sehr schĂ€tzen. Heute möchten wir Euch Juli Zeh vorstellen.
Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, gehört zu den erfolgreichsten jungen Schriftstellerinnen, die Deutschland zu bieten hat.
Schon als Kind schrieb sie heimlich, doch nach ihrem Abitur studierte sie zunĂ€chst Jura in Passau und Leipzig, dem Fach, in dem sie 1998 ihr erstes Staatsexamen mit Bestnote machte. Studienschwerpunkt war das Völkerrecht, insbesondere das âNation Buildingâ. Darauf folgte ein Aufbaustudium zum Recht der EuropĂ€ischen Integration. WĂ€hrend ihres Referendariats arbeitete sie bei der Deutschen Botschaft in Zagreb und in der Wahlstation des OHR in Sarajewo, absolvierte ein Praktikum bei der UNO in New York und betrieb Osteuropastudien in Krakau. Derzeit arbeitet sie an ihrer Dissertation ĂŒber den Status des Kosovo aus völkerrechtlicher Sicht.
Das Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig (DLL), an das sie spĂ€ter als Dozentin zurĂŒckgekehrt ist, hatte Zeh 1996, noch vor Abschluss des Jurastudiums, begonnen und im Jahr 2000 mit dem Diplom abgeschlossen. 2003 folgte das zweite Staatsexamen. Als diplomierte Autorin begann sie, Kurzgeschichten und Essays zu veröffentlichen. Ihr Debutroman âAdler und Engelâ, der 2001 beim Schöffling & Co. Verlag erschien und mittlerweile in 28 Sprachen ĂŒbersetzt wurde, erhielt auf Anhieb groĂe Anerkennung. Der Roman erzĂ€hlt die Geschichte von Max, einem erfolgreichen Völkerrechtsexperten, der nach dem Selbstmord seiner einzigen Liebe Jessie im Drogensumpf untergeht. Zu einer Reise in seine Vergangenheit gezwungen, muss er jedoch erkennen, dass seine und Jessies Geschichte Teil des Dramas auf dem Balkan waren. Ihre seltsame Liebe ist ein Produkt jenes zynischen Miteinanders von BĂŒrgerkriegshelden, Völkermördern, DrogenhĂ€ndlern und UNO-Politikern, die Schreckliches zulassen, um noch Schrecklicheres zu verhindern. Der Roman ist Polit-Thriller, Krimi und verzweifelte Liebesgeschichte zugleich. Juli Zeh wurde dafĂŒr 2002 mit dem Deutschen BĂŒcherpreis, dem Förderpreis des Bremer Literaturpreises und dem Rauriser Literaturpreis ausgezeichnet. Der Per Olov Enquist-Preis folgt 2005.
Auf einer Reise durch die vom Krieg zerstörten LĂ€nder des ehemaligen Jugoslawien im Sommer 2001 taucht Juli Zeh in eine Welt des prekĂ€ren Friedens ein. Sie begegnet Menschen und Landschaften mit unvoreingenommenem Blick und hĂ€lt diese sehr persönlichen EindrĂŒcke in ihrem Reisebericht âDie Stille ist ein GerĂ€uschâ (Schöffling & Co. Verlag), der 2002 erschien, fest. Sie gewinnt damit den Hölderlin-Förderpreis (2002) und den Ernst-Toller-Preis (2003). In Mostar, Sarajewo, Tuzla und Srebreniza, ĂŒberall, an GebĂ€uden und Menschen, findet sie Spuren vom Krieg vor, aber auch die Gewissheit, dass das Leben weitergeht.
Der zweite groĂe Roman âSpieltriebâ erschien 2004 beim Schöffling & Co. Verlag. Der Schauplatz der Handlung ist ein Gymnasium in Zehs Heimatstadt Bonn. Er greift die Thematik einer jungen Generation auf, die unfĂ€hig zur Empathie ist. Zwei hochintelligente SchĂŒler, die sich von aller Moral gelöst haben, treiben ein grausames Spiel mit einem Lehrer. âSpieltriebâ wurde 2006 am Hamburger Schauspielhaus fĂŒr die BĂŒhne dramatisiert und 2008 mit dem Prix des CĂ©vennes ausgezeichnet.
Mit âSchilfâ (Schöffling & Co. Verlag, 2007), auf dem ersten Blick ânurâ ein Kriminalroman, beschĂ€ftigt sich ein weiteres Buch mit dem Problem persönlicher und gesellschaftlicher Werte.
âWir haben nicht alles gehört, dafĂŒr das meiste gesehen, denn immer war einer von uns dabei. Ein Kommissar, der tödliches Kopfweh hat, eine physikalische Theorie liebt und nicht an den Zufall glaubt, löst seinen letzten Fall. Ein Kind wird entfĂŒhrt und weiĂ nichts davon. Ein Arzt tut, was er nicht soll. Ein Mann stirbt, zwei Physiker streiten, ein Polizeiobermeister ist verliebt. Am Ende scheint alles anders, als der Kommissar gedacht hat - und doch genau so. Die Ideen des Menschen sind die Partitur, sein Leben ist eine schrĂ€ge Musik.
So ist es, denken wir, in etwa gewesen.â
Juli Zehs neuer, 2009 erschienener Roman âCorpus Delictiâ (Schöffling & Co. Verlag) spielt im Jahr 2057. Grundlage des ganzen Staatswesens ist die âMethodeâ geworden, das heiĂt, der Staat zwingt seine BĂŒrger zu gesundheitlicher PrĂ€vention und behandelt selbst das Rauchen einer Zigarette als Delikt. Das Drama wurde bei der Ruhrtriennale 2007 uraufgefĂŒhrt.
Anfang Februar 2008 reichte Juli Zeh beim Bundesverfassungsgericht eine Verfassungsbeschwerde gegen den damaligen Innenminister Schily ein, da die obligatorische Erfassung von FingerabdrĂŒcken im biometrischen Reisepass keine wirksame MaĂnahme der Sicherheitspolitik, sondern als âsinnloser Grundrechtseingriffâ ein âgrundsĂ€tzliches Problem in einer freiheitlichen Gesellschaftâ darstelle. Bislang habe noch kein Politiker erklĂ€ren können, wie die Erfassung einen Terroranschlag verhindern solle, da in keinem der bisher durchgefĂŒhrten oder geplanten Attentate gefĂ€lschte PĂ€sse eine Rolle gespielt hĂ€tten.
Juli Zeh lebt heute in einem Dorf im brandenburgischen Havelland.
Quelle: Portrait der Autorin Juli Zeh von Ruth Lisa Knapp


