Wissenswert [Olympia Spezial]
England - Ein literarischer Rückblick auf die letzten 100 Jahre
Derzeit sind in London die Olympischen Spiele in vollem Gange. Bis zum 12. August schwimmen, sprinten, spielen, reiten, fechten, rudern oder schießen die Athleten um die Wette - frei nach dem olympischen Grundgedanken: Dabei sein ist alles. Und natürlich auch, um ein paar Medaillen abzustauben.Â
Leider haben wir von Transatlantik bekanntlich nicht allzu viel mit Sport zu tun, aber wir nutzen dieses Spektakel natürlich, um euch das Gastgeberland, oder besser gesagt, dessen Literatur, im Verlauf der letzten 100 Jahre näherzubringen.
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Abb.:Â Von links oben nach rechts unten: Rudyard Kipling, Virginia Woolf, George Orwell, J.R.R. Tolkien
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1901-1914: Edwardianische Zeit
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Lyrik: Thomas Hardy
Dramatik: John Galsworthy, G.B. Shaw, John Millington Synge, William Butler Yeats
Epik: Arnold Bennett, Joseph Conrad, E.M. Forster, H.G. Wells
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In der Edwardianischen Zeit regierte in England und Irland der als hedonistisch geltende „Lustige König“ Edward VII. (1901-1910). Weitestgehend wirkt in dieser Phase die viktorianische Erzähltradition fort:
Die lange Regierungszeit der britischen Königin Viktoria (1837–1901) war eine Zeit großer Fortschritte auf technologischem und industriellem Gebiet. Großbritannien errichtete in der ganzen Welt ein umfangreiches Imperium, in dem aber viele Menschen arm blieben. Die Autoren dieser Epoche reflektierten ihre Bedenken, dass der Geist des Menschen durch das Maschinenzeitalter zerstört werden könnte.
Ende des 19. Jahrhunderts kam es dann in den großen Industriestaaten endgültig zu einem tiefgreifenden Wandel des kollektiven Lebensgefühls. Er ließ Fortschrittsglauben in Kriegserwartung und Schreckensvisionen umschlagen.
Thematisiert wurden die sozialen Verhältnisse zu dieser Zeit, Verarmung und soziale Abhängigkeit, Umgangsformen, Moral und Patriotismus. Einige Autoren wandten sich auch Abenteuer und Romanze zu; zugleich entdeckte die Literatur ihr Interesse an der Geschichte.
Ab den 1880er Jahren wurde das schon totgeglaubte Drama wiederbelebt: Die Autoren machten seine Krise zum Thema. Die Schwierigkeit, Gefühle aus der Außenperspektive zu zeigen, wurde nun dargestellt. Die Unmöglichkeit, Gesellschaft mit den Formen der privaten Kommunikation zu beschreiben, wurde über die Zerrüttung intimer Milieus demonstriert.
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1914-1945: Moderne
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Lyrik: W. H. Auden, T. S. Eliot, Siegfried Sassoon, Stevie Smith, Dylan Thomas
Dramatik: Noël Coward, Sean O'Casey, J. B. Priestley
Epik: Elizabeth Bowen, Ivy Compton-Burnett, James Joyce, D. H. Lawrence, Dorothy Richardson, May Sinclair, Virginia Woolf
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Die Moderne beginnt in England mit dem I. Weltkrieg, in dem sich das seit Beginn des 18. Jahrhunderts regierende Haus Hannover zur Distanzierung von seiner deutschen Herkunft in Haus Windsor umbenannte.
Auch ein anderer wichtiger Einschnitt fand in dieser Zeit im Roman statt: Der Wechsel zum experimentellen Roman. Seine Merkmale waren unter anderem Multiperspektivität, Fragmentarisierung, Hybridität und die Preisgabe von Linearität und Kausalität sowie die Nutzung des stream of consciousness. Der traditionelle Roman lebte daneben fort und erneuerte sich thematisch.
Ebenfalls in dieser Zeit wurde das Genre der modernen Kurzgeschichte (short story) erfunden. Ihre Autoren waren zumeist Romanciers. In diesem Genre wurde mit traditionellen Formen der Kurzprosa experimentiert, um eine Ästhetik zu entwerfen, die der Lebenswelt der Moderne gerecht wird.
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seit 1945: Nachkriegszeit und Postmoderne
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Lyrik: Eavan Boland, Wendy Cope, D.J. Enright, Seamus Heaney, Ted Hughes, Philip Larkin, Paul Muldoon, R. S. Thomas
Dramatik: John Arden, Samuel Beckett, Edward Bond, Caryl Churchill, Sarah Daniels, Pam Gems, Sarah Kane, Joe Orton, John Osborne, Louise Page, Harold Pinter, Mark Ravenhill, Peter Shaffer, Tom Stoppard, Timberlake Wertenbaker, Patrick Marber
Epik: Peter Ackroyd, John Banville, Pat Barker, A. S. Byatt, Angela Carter, John Fowles, Kazuo Ishiguro, Penelope Lively, David Lodge, Ian McEwan, Graham Swift, Jeanette Winterson, Margaret Yorke, Irvine Welsh
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Zumindest die Prosa der letzten 50 Jahre ist nach Meinung von Experten kaum sinnvoll zu strukturieren: Zu vielfältig sind Themen und Gestaltungsformen. Es lassen sich jedoch einige zeitgebundene Trends ausmachen.
In den 50er Jahren setzten sich zahlreiche Romane kritisch mit der neokonservativen englischen Klassengesellschaft auseinander. Die jungen, meist männlichen Protagonisten dieser Romane wurden als angry young men bezeichnet.
Ebenfalls in den 1950er- wie auch in den 1960er Jahren wurde die experimentelle Form, der modernist novel, renoviert.
Ab den 1970er Jahren feierte der feministische Roman, auch Frauenroman genannt, seinen Siegeszug. Themen waren Feminismus, weibliche Sexualität, Eheprobleme und Mütter-Töchter-Beziehungen.
Ebenfalls zu dieser Zeit begann das Genre des postkolonialen Nachkriegsromans, der postcolonial novel, zu boomen. Hier setzten sich Autoren mit dem Niedergang des Empire auseinander und reflektierten über die Zeit der Kolonialherrschaft.
Ab den 80er Jahren kam es zu einem Comeback des Universitätsromans (campus novel).
Seitdem produzieren Romanautoren immer neue Subgattungen. Inhaltlich reagieren sie auf immer neue Zeitströmungen und untergraben etablierte Erzählkonventionen. Bemerkenswert ist die nunmehr ungehemmte Fiktionalisierung von Geschichte, wie sie auch im Spielfilm stattfindet.
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