transatlantik | literatur on air Bücher und Hörbücher, die Wellen schlagen

Buchtipp

 

"Meine Schwester lebt auf dem Kaminsims" von Annabel Pitcher

28. Mai 2012 | Geschrieben von T-Team

„Meine Schwester Rose lebt auf dem Kaminsims. Na gut, ein Teil von ihr. Drei Finger, ihr rechter Ellbogen und ihre Kniescheibe liegen in einem Grab in London“ - Klingt makaber und skurril? Ist es auch. In diesem Fall aber auf eine herrlich lesenswerte Art!

Es scheint wirklich so, als lebe Jamies tote Schwester in ihrer Urne weiter. Von dort aus dominiert sie das Leben der ganzen Familie, die darüber allmählich zerfällt.
Roses  altes Zimmer ist „heilig“, und zu ihrem Geburtstag füllt der Vater stets einen Teller mit Leckereien, um ihn neben die Urne zu stellen.
In kindlich aufrichtiger Sprache schildert der zehnjährige Jamie auf witzig-tragische Weise das zuweilen makabre Verhalten seiner Eltern und seiner noch lebenden Schwester Jasmine, die sich an Erinnerungen an eine Tote klammern und darüber die Bedürfnisse der Lebenden vernachlässigen –  vor allem die von Jamie.
Die Mutter flieht in eine neue Beziehung, die Schwester gibt das Essen auf, und der Vater ertränkt seinen Kummer in Alkohol. Auch nach dem Umzug in eine Kleinstadt erfüllen sich seine Versprechungen nicht, es werde alles wieder gut. Davon zeugen die Whisky-Flaschen im Mülleimer.
Erst als Jamie sich in der Schule mit der Muslimin Sunya anfreundet, eröffnet sich ihm eine Welt, die seinem Leben eine neue Richtung gibt.

Trotz aller Traurigkeit ist dieses Buch der perfekte Tröster in düsteren Stimmungslagen, weil einen der oft ungewollte, schwarze Humor und Jamies gnadenlos-unbefangene Aufrichtigkeit immer wieder zum Lachen bringen. Zum Beispiel, wenn er – als wäre es die normalste Frage der Welt –  darüber sinniert, ob der neue Freund seiner Mutter wohl auch Teile seiner verstorbenen Frau bekommen hat. „Vielleicht hat er eine Urne auf dem Kaminsims stehen, der er dann am Hochzeitstag Blumen kauft. Das würde Mum bestimmt nicht toll finden.“

Der Debutroman von Annabel Pitcher schafft es, den Tod, die Trauer, den Verlust und auch die Liebe in ein komplett anderes Licht zu rücken, und ihnen die strenge Ernsthaftigkeit zu nehmen. Schon auf den ersten Seiten verschmilzt man mit dem Denken und Fühlen jenes Jungen, der mitten im schlimmsten Streit seiner Eltern fragt, ob er „welche von den kleinen Würstchen“ haben könnte.
Man kann sich nicht dagegen wehren, ihn ins Herz zu schließen und möchte dieses Buch in einem Zug verschlingen - auch wenn man dabei nicht immer weiß, ob man gerade lachen, heulen oder beides möchte.

 
 

Kommentare

    Noch keine Kommentare

 

Kommentar schreiben


Umschließende Sterne heben ein Wort hervor (*wort*), per _wort_ kann ein Wort unterstrichen werden.
Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA

 
Kommentare werden erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet!