Rund um die Welt
»Suite française« von Irène Némirovsky
La tour Eiffel, L’Arc de Triomphe, Notre Dame, Le Louvre….
Na, wisst ihr worauf wir hinaus wollen? Richtig! - Heute geht es in unserem Freitagsspecial »Rund um die Welt« um ein Meisterwerk aus Frankreich: »Suite française«, ein eindrucksvolles Sittengemälde aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs von Irène Némirovsky.
»Mein Freund, ich schreibe zurzeit viel. Ich denke, es wird ein posthumes Werk werden. Doch auf diese Weise vergeht die Zeit.«
(Irène Némirovsky an ihren Verleger Albin Michel, 1942)
Irène Némirovsky, die im Jahr 1903 als Tochter eines reichen russisch-jüdischen Bankiers in Kiew geboren wurde, wurde größtenteils von einer französischen Hausdame erzogen, wodurch Französisch sozusagen zu ihrer zweiten Muttersprache wurde. Während der Oktoberrevolution kam sie nach Paris und studierte an der Sorbonne, wo sie ihre Liebe zum Schreiben entdeckte.
Innerhalb von nur 10 Jahren veröffentlichte Irène Némirovsky 38 Erzählungen, eine Biografie und 9 Romane, womit sie sicher zu den produktivsten Schriftstellerinnen ihrer Zeit gehörte. Ihr wohl bekanntestes Werk »Suite française« wurde erst über 60 Jahre nach ihrem tragischen Tod im KZ Ausschwitz veröffentlicht, nachdem ihre beiden Töchter das Skript zufällig in einem Koffer entdeckten.
Der ursprünglich - in Anlehnung an eine musikalische Suite - als 5-teilig geplante Roman (Irène konnte vor ihrem Tod nur die ersten beiden Teile fertigstellen) erzählt mitten aus dem Krieg: Im ersten Teil "Sturm im Juni" schildert die Autorin eindrucksvoll, wie die deutsche Armee im Sommer 1940 vor Paris steht und wie die in Panik geratenen Bewohner ihre letzten Habseligkeiten zusammenraffen und die Flucht ergreifen. Das ganze Land ist in Aufruhr und plötzlich zeigen die Menschen ihre wahren Gesichter: Es gibt solche, die egoistisch sind und nur ihre eigene Haut retten wollen und gleichzeitig gibt es solche, die sich angesichts der nahenden Katastrophe mit anderen, wildfremden Menschen verbünden.Â
Der zweite Teil des Romans "Dolce" spielt in dem von Deutschen besetzten Dorf Bussy im Jahr 1942: Jedem Haus des Dorfes ist ein deutscher Soldat zugeteilt. Anfangs überwiegt die Feindseligkeit der Bewohner gegenüber den deutschen Eindringlingen, doch nach und nach versuchen sie aus deren Anwesenheit Profit zu schlagen und bieten ihnen komplett überteuerte Waren an. Einige von ihnen beginnen dann aber sogar eine gewisse Sympathie für die Soldaten zu entwickeln, denn sie erkennen, dass diese auch nur Menschen sind, die ebenfalls auf ein schnelles Ende des Krieges hoffen und nur nach Hause zu ihren Familien wollen.
Irène Némirovsky beschreibt also in »Suite française« Niedertracht und Selbstgefälligkeit, Hoffnung und Illusion, Überlebenskampf und die große Sehnsucht nach Frieden. Dem Leser werden die unterschiedlichsten Milieus, Geschlechter und Generationen vor Augen geführt. Er soll erkennen, dass es im Endeffekt keine eindeutige Unterscheidung zwischen Opfern und Tätern geben kann, dass die Grenzen verwischen.
Irène Némirovsky hat, obwohl sie das Werk nicht abschließen konnte, ein einzigartiges historisches Zeitzeugnis geschaffen, das zurecht weltweit als großes Werk gefeiert wird.
Mehr zum Leben und Werk der Ausnahmeautorin Irène Némirovsky findet ihr hier.
Bisher im Special Rund um die Welt erschienen:
- »Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand« von Jonas Jonasson
- »In 80 Tagen um die Welt« von Jules Verne
- »Bummel durch Europa« von Mark Twain
- »Das Universum der Familie Ahuja« von Karan Mahajan

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