Brandneu!
Anna Enquist - Kontrapunkt
Am 8. Februar erschien im btb Verlag ein Roman, den Luchterhand bereits 2008 als Hardcover Ausgabe auf den Markt gebracht hatte. Es handelt sich hierbei um das faszinierende Portrait einer Frau, die mit Hilfe der Musik versucht, ihr Leben, das gebeutelt ist von Schmerz und Verlust, wieder in rechte Bahnen zu lenken. „Kontrapunkt“ – so heißt das Werk der preisgekrönten niederländischen Schriftstellerin Anna Enquist. Es ist ein tiefsinniges und intensives Stück Literatur, das an dieser Stelle, pünktlich zum Taschenbuchverkaufsstart, noch einmal hervorgehoben werden soll.
Nichts ist schmerzlicher als der Verlust eines geliebten Menschen. Und nichts ist schrecklicher als das allmähliche Verblassen der Erinnerung an ihn. Genau hiervor fürchtet sich eine Mutter, als sie ihre Tochter durch einen tragischen Unfall verliert – vor einer Zukunft, in der Erinnerungen nach und nach verblassen und irgendwann ganz aus dem Gedächtnis verschwunden sind. Mit aller Macht versucht die Frau, sich an die Vergangenheit zu klammern, die Erinnerung an ihre Tochter bis ins kleinste Detail lebendig zu halten. Doch sie droht daran zu verzweifeln und innerlich zu zerbrechen. Erst ihre eigene Profession, das Klavierspielen, hilft ihr, den schweren Schicksalsschlag zu bewältigen und ihrer eigenen Tochter einen ewig währenden Platz in den eigenen Erinnerungen zu schaffen: denn die Mutter beginnt, Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen einzustudieren. Die Musik schafft es, verblassende Erinnerungsstücke an die Tochter neu zu beleben, sie beginnt, wie eine Brücke zur verstorbenen Person zu wirken.
Wie Anna Enquist in diesem Roman Sprache, Erinnerungen und Musik miteinander verknüpft und zu einem großen Ganzen zusammenfügt, ist brillant. Es gelingt der in Amsterdam geborenen und lebenden Autorin, einen Roman in das komplexe Konstrukt eines barocken Musikstückes einzuweben. Denn jeder Abschnitt der Goldberg-Variation ist mit einer speziellen Erinnerung verknüpft, jedes einzelne Kapitel widmet sich einer „Variatio“.
Damit schafft Enquist, was viele andere Schriftsteller mit gemischtem Erfolg versucht hatten: Sie bringt das Gefühl der Menschen für Musik und die Bedeutung, die Musik in ihrer ganzen Vielseitigkeit für einen Menschen haben kann, so gekonnt wie kein anderer zuvor auf Papier. In diesem Zusammenhang ist es auch hilfreich, als Leser zumindest mit den Grundlagen der modernen Notenlehre vertraut zu sein, um Enquists Roman in seiner ganzen Komplexität und Genialität zu verstehen.
Insgesamt ist "Kontrapunkt" nicht nur aber vor allem für Liebhaber von Literatur und Musik ein enorm wichtiges Buch, das es schafft, den ganzen Wert, den Musik für uns Menschen hat, nachvollziehbar und höchst sensibel mit dem geschriebenen Wort darzustellen.
Die extremen Lebenserfahrungen, die die Protagonistin in Enquists sechsten Roman macht, beruhen im Übrigen auf der eigenen Vergangenheit der Autorin. Anna Enquist hatte ihre eigene Tochter 2001 im Alter von 27 Jahren bei einem Verkehrsunfall verloren.
"Kontrapunkt" im Katalog von btb
Quellen: wikipedia.de, randomhouse.de, amazon.de

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