Frage:
Wer ist eigentlich dieser Stieg Larsson?
Verblendung, Verdammnis, Vergebung - ich muss zugeben, dass ich wohl zu der Minderheit gehöre, die bisher einen weiten Bogen um die erfolgreiche Millenium-Trilogie des schwedischen Autors Stieg Larsson gemacht hat. Wahrscheinlich wollte ich mich von der Hysterie nicht anstecken lassen.
Alle lesen SIE. Alle fragen: "Hast du DIE schon gelesen?" Alle sagen: "DAS sind die besten Bücher, die ich seit langem gelesen habe." Ich bin neugierig, aber weigere mich. Immernoch.
Vor einer Woche startete nun "Vergebung" als Verfilmung des gleichnamigen, dritten Teils der Romanreihe um die Ermittlerin Lisbeth Salander im Kino.
Nun möchte ich aber wissen, wer ist eigentlich dieser Stieg Larsson?
Eine kleine Recherche.
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Hintergründe
Stieg Larsson wurde 1954 in Västerbotten, im Norden Schwedens geboren. Zum Zeitpunkt seiner Geburt waren seine Eltern zu jung und zu arm, um sich um ihn zu kümmern, sodass er von seinen Großeltern in einem kleinen Dorf in Nordschweden aufgezogen wurde. Der Großvater, Severin Boström, wurde zum männlichen Vorbild für den jungen Stieg. Severin war ein überzeugter Antifaschist. Wäre er Däne gewesen, hätte man ihn ohne Zweifel in ein Konzentrationslager gesteckt. Das Schicksal seines Großvaters beeinflusste und prägte Stiegs Charakter nachhaltig. Er wollte die Gleichberechtigung aller Menschen schützen und für Demokratie und Redefreiheit eintreten, um eine Wiederholung der Geschichte(, und was seinem Großvater wiederfuhr,) zu verhindern.
Als sein Großvater starb, war Stieg neun Jahre alt. Er zog zu seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder, um von nun an bei ihnen zu leben. Zu seinem zwölften Geburtstag bekam er eine Schreibmaschine geschenkt und blieb daher die meisten Nächte seiner Kindheit auf, um dem Schreiben nachzugehen. Seine Familie hielt er durch das hämmernde Geräusch der Tasten unfreiwillig wach.
Im Alter von 18 Jahren lernte Stieg Eva Gabrielsson auf einer Anti-Vietnamkrieg-Versammlung in Umeå kennen. Eva sollte seine lebenslange Gefährtin werden. Mit einigen kurzen Ausnahmen, hauptsächlich bedingt durch die Tatsache, dass er manchmal zu beschäftigt mit seiner Arbeit war, lebten sie bis zu Stiegs Tod am 9. November 2004 zusammen.
Nach seinem Militärdienst reiste Stieg durch Afrika und wurde als "frühzeitiger Rucksacktourist" beschrieben. Er hatte auf seinen Reisen kaum Geld. In einem Interview mit Norra Västerbotten im Jahre 2006, beschrieb sein Vater, wie er als Tellerwäscher arbeiten und seine Kleidung verkaufen musste, um sich ein Ticket von Algerien nach Hause leisten zu können.
In den letzten 15 Jahren vor seinem Tod lebten er und seine Lebensgefährtin mit der ständigen Gefahr durch gewalttätige Rechtsextremisten. Als ein Gewerkschaftsvorsitzender 1999 von Neonazis ermordet wurde, fand die Polizei Photos und andere Informationen über das Paar in der Wohnung des Mörders. So war es nicht ohne Grund, dass Eva und Stieg Vorsichtsmaßnahmen trafen. Sie waren niemals zusammen außerhalb des Hauses zu sehen, entfernten die Spiegel in der Diele und ließen die Fensterläden geschlossen. Dies sind aber nur ein paar Beispiele.
Stieg war ein Experte auf diesem Gebiet und schrieb ein Anleitungsbuch für den Schwedischen Verband der Journalisten über die Art und Weise, wie diese auf Drohungen reagieren sollen ("Överleva Deadline", 2000).
Es bestand ein starker Kontrast zwischen Stiegs Arbeit am Magazin "Expo", das er mit einer kleinen Gruppe von politischen Aktivisten gegründet hatte, und seiner nächtlichen Romanschreiberei. Er betrachtete sein Schreiben von Detektivgeschichten als pure Entspannung. Das Aufzeichnen von unerledigten Dingen, Charakteren und erfundenen Verschwörungen stellten keine Probleme dar, da es sich ja im Grunde genommen um Fiktion handelte und niemand weder Eva noch ihn deswegen bedrohen würde.
Arbeit
Nach dem Schulabschluss und seinem Militärdienst arbeitete Stieg Larsson einige Jahre auf einem Postamt. In diesen Jahren, in den Siebzigern, war er ein aktives Mitglied der schwedischen politischen Linke, die damals aufblühte. Er gab ein trotzkistisches Magazin heraus und hatte großes Interesse am andauernden Krieg in Vietanm.
1977 begann Stieg Larsson als Graphikdesigner bei TT, einem multimedialen Nachrichtenanbieter in Schweden zu arbeiten. Ein Job, den er in den folgenden 22 Jahren behielt. In den Achtzigern schlug Stieg Larsson's Interesse langsam zum Rechtsextremismus um, ein Interesse, das mit einem Schulprojekt zu diesem Thema erwacht war und sein ganzen Leben lang anhielt. Wenn er nicht gerade bei TT seinem Beruf nachging, arbeitete er an einer privaten Kartierung des Rechtsextremismuses in Schweden. 1991 endeten diese Untersuchungen in seinem ersten Buch "Rechtsextremismus" ("Extremhögern"), das er in Zusammenarbeit mit Anna-Lena Lodenius, einer schwedischen Schriftstellerin, die sich auf autonome und natonalextremistische Gruppen spezialisiert hat, schrieb. In einem Interview sagte sie, dass er schon in den frühen Neunzigern geplant habe, eine Serie von Detektivgeschichten zu schreiben, doch es würden weitere zehn Jahre vergehen, bis er damit anfängt.
Als Antwort auf das Buch "Rechtsextremismus" veröffentlichte 1993 eine neonazistische Zeitung einen Artikel, in dem beide, Larsson und Lodenius, mit Photos abgebildet, ihre Adressen und Telefonnummern angegeben wurden. Die Abschlusszeilen eröffneten die Frage, ob "ihm erlaubt werden sollte, mit seiner Arbeit weiterzumachen, oder ob etwas getan werden sollte". Der Verleger dieser Zeitung wurde zu vier Monaten Haft verurteilt.
Dieser Zwischenfall machte Stieg Larsson jedoch keine Angst, stattdessen überzeugte es ihn, seinen Kampf gegen Rechts zu intensivieren. Stieg Larsson hatte seit den frühen Achtzigern als skandinavischer Korrespondent des britischen, antifaschistischen Magazins "Searchlight" gearbeitet, und 1995 war er die treibende Kraft bei der Gründung des schwedischen Magazins "Expo".
Zwei Jahre lang verband er beide Full-time-Jobs miteinander, bis er schließlich 1997 bei TT kündigte, um all sein Bestreben in die Zeitschrift "Expo" zu legen. Von 1999 bis zu seinem Tod war er dessen Chefredakteur.
Wenn man auf die Kombination aus der Arbeit für das Magazin "Expo", dem Schreiben von Büchern über Rechtextremismus, den Lesungen vor internatinalen Politikern, Polizeikräften und zahllosen Jugendlichen, das nächtliche Schreiben der Detektivromane, dem Konsum von 60 oder noch mehr handgerollten Zigaretten am Tag und dem Auslassen von Mahlzeiten schaut, dann erscheint das Bild eines typischen Workaholics. In einem Artikel in der schwedischen Zeiung "Expressen" bestätigte dies der Journalist, Kollege und enge Freund von Stieg, Kurdo Baksi: "Er pflegte gegen vier/fünf Uhr morgens nach Hause zu kommen. Zu diesen Zeiten hatte er auch an der Geschichte über Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander gearbeitet."
"Nächstes Jahr wird es besser", antwortete er (Stieg) strahlend.
Kurdo Baksis Buch "Mein Freund Stieg Larsson", erschienen beim Heyne Verlag, setzt dabei seinem Weggefährten ein Denkmal - nicht dem Autor der Millenium-Trilogie, sondern dem Menschen Stieg Larsson.
Das Erbe
Stieg Larsson verbrachte 32 Jahre seines Lebens mit der Architektin Eva Gabrielsson, sie herateten jedoch nie und hatten auch keine Kinder. Stieg hinterließ kein Testament, sodass nach schwedischem Recht sein ganzer Besitz an seinen Vater und seinen Bruder geht. Dieser Umstand entfachte einen Streit zwischen Eva Gabrielsson und Stiegs Angehörigen. Sie sagt aus, dass seine Verwandten "niemals ein Teil ihres Lebens gewesen sind" und dass sie nicht die richtigen Personen seien, um Stiegs Nachlass zu verwalten.
Eine Tatsache, die die ganze Sache verkompliziert, ist, dass Eva den Laptop mit dem nur zum Teil fertiggestellten Manuskript für das vierte Buch der Millenium-Reihe besitzt. Und sie wird es erst veröffentlichen, wenn sie alle Rechte über die Millenium-Romane, an denen sie und Stieg zusammen gearbeitet haben, zugesprochen bekommt. Doch Stiegs Vater und Bruder sind nicht bereit, diese Richtigstellung vorzunehmen.
Dies führte zu einer Pattsituation, die fünf Jahre nach Stiegs Tod immernoch anhält.
Stiegs Vatar und Bruder erzählten zuletzt in einem Zeitungsinterview, dass sie Eva ein letztes Angebot über zwei Millionen Euro unterbreitet hätten, sie dieses jedoch ausschlug, da es ihr nicht um das Geld gehe, sondern um den Rechtsanspruch, Stiegs literarischen Nachlass zu verwalten.
Das letzte Wort ist dabei aber noch nicht gesprochen.
Die Millennium-Trilogie
Laut einer Aussage von Stiegs Kollegin Anna-Lena Lodenius begann Stieg Larsson in den frühen Neunziger Jahren über das Schreiben von Detektivromanen nachzudenken. Er war immer schon an angelsächsischer Literatur interessiert und kannte die Werke von Elizabeth George, Minette Walters und Sara Paretsky sehr gut. Er wusste, welche Zutaten eine gute Detektivgeschichte ausmachen, und er entschied sich dazu, seine Romane mit ein bisschen Sex zu spicken, so wie es den Lesern vielleicht gefallen könnte.
Wie für seine Arbeit als Journalist waren auch seine Vorbereitungen für die Reihe gründlich. Bevor er zu schreiben anfing, machte er sich eine detailierte Übersicht über die Handlung für insgesamt zehn Bücher. Er begann 1997 zu schreiben und nahm erst im Sommer 2003, nach der Fertigstellung der ersten beiden Romane und während des Schreibprozesses am dritten Buch Kontakt zu einem Verlag auf.
Seine erste Wahl fiel auf den Verlag Piratförlaget, der sein Manuskript zweimal ablehnte, vielleicht einer der größten Fehler in der schwedischen Verlagsgeschichte. Stattdessen war es Ende 2003 der Verlag Nordstedts, der ihm die Möglichkeit bot, einen Autorenvertrag über drei Bücher zu unterschreiben, was eine außergewöhnliche Chance für einen bisher unveröffentlichten Schriftsteller bedeutete. Die Verlagsrechte wurden schon von deutschen und norwegischen Verlagen gekauft, bevor es überhaupt in Schweden zur Veröffentlichung der Bücher kam. 2004 nahm Stieg Larsson noch kleinere Korrekturen an seinen zwei fertiggestellten Romanen vor und schloss das Dritte ab. Er starb nur einige Monate vor der Veröffentlichung des ersten Teils der Millenium-Trilogie. Es wurde ein sofortiger Erfolg.
Kenneth Ahlborn, ein ehemaliger Kollege von Stieg bei TT sagte in einem Interview, dass Stieg nach einer Diskussion in der Mittagspause die Idee zu Lisbeth Salanders Romanfigur kam. Sie redeten darüber, wie unterschiedlich Charaktere aus Kinderbüchern handeln und sich verhalten würden, wenn sie lebendig und erwachsen wären.
Stieg mochte besonders das Bild einer erwachsenen Pippi Langstrumpf, einem gestörten Mädchen – vermutlich mit einem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom –, das eine harte Zeit hinter sich hätte, einen festen Platz in der "normalen Gesellschaft" zu finden. Stieg benutzte Teile dieser Charakterzüge, als er Lisbeth Salander erschuf.
Das vierte Buch
Als Stieg Larsson damit anfing, die Millenium-Reihe zu schreiben, entwarf er eine Inhaltsübersicht für zehn Bücher. Vor seinem Tod im November 2004 waren die ersten drei Bücher der Reihe fertiggestellt, der vierte Roman in der Mache. Stieg schrieb in einer Email an einen Freund, dass er bereits den Anfang und das Ende fertig habe, der Mittelteil aber noch geschrieben werden müsste.
Viele Leser fragen, ob Eva Gabrielsson das vierte Buch vervollständigen könne, da sie einen großen Anteil am Schreibprozess der Vorgängerromane habe. Eva selbst ist optimistisch, obwohl die schwedische Rechtssprechung eine solche Lösung verhindert.
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Ich muss sagen: ein wirklich interessanter Mann mit einem spannenden Leben!
Nun möchte ich die Bücher von Stieg Larsson auch einmal lesen. Möchte sie mir vielleicht jemand ausleihen?
Doch in der Zwischenzeit hat sich mir eine weitere Frage gestellt: Sind Hummeln wirklich dumm?
S.W.
vom T-Team


Christian 10.06.2010 10:50 - (Antwort)
Ein sehr schöner Artikel, fand die Bücher ausnehmend spannend und werde wohl jetzt auch das Buch von Kurdo Baksi lesen.
Lesbert 10.06.2010 16:11 - (Antwort)
Da schau her: Es gibt also außer mir noch mehr Leute, die keines der Bücher gelesen haben.
Bei Larsson ist es Zufall, dass es sich nicht ergeben hat. Klingt ja, als sei er eine spannende Person gewesen.
Was die Tommy-Jaud-Bücher angeht gönne ich mir den Luxus eines völlig beliebigen Vorurteils und finde sie blöd.