Erinnerungen
Gruppe 47 - Nachkriegsgeschichte deutscher Literatur
Deutschland 1947: Der zweite Weltkrieg ist gerade vorbei, Deutschland ist besetzt.
Was sollte aus der Literatur werden, als der Krieg zu Ende war, als auch schon die jungen Schriftsteller zurückgekehrt waren?
Darum ging es bei jenen ersten Lesungen und Werkstattgesprächen, zu denen Hans-Werner Richter im September 1947 eingeladen hatte.
Dass diese Teilnehmer, die sogenannte Gruppe 47 und ihre Treffen aber einmal so wichtig für den deutschen Literaturbetrieb wurden, bei den sowohl Bücher wie auch Karrieren entstanden, ist eine besondere Geschichte.
Die Vorgeschichte zur Gruppe 47 war das Kriegsgefangenenblatt »Der Ruf: Zeitung der Kriegsgefangenen«. Sie entstand in Amerika und war Teil des Reeducation Programms für die deutschen Kriegsgefangenen. Curt Vinz war der Herausgeber - Mitarbeiter Menschen wie Hans Werner Richter. Zurück in Deutschland verstand vor allem Richter die Zeitschrift als politisches Organ für eine sozialistische Gesellschaftsform - auch gegen die Amerikaner -, was zum Verbot der Zeitschrift führte.
Doch Hans Werner plante eine Nachfolgezeitschrift, »Der Skorpion«. Die erste Redaktionssitzung sollte in Füssen stattfinden. Doch was dem Ganzen eigentlich im Vordergrund stand, war der gesellschaftliche Charakter, das gemeinsame Vorlesen und diskutieren. »Der Skorpion« wurde nie veröffentlicht, aber aus diesem ersten Treffen entwickelte sich die Gruppe 47.
Die Treffen dienten der gegenseitigen Kritik der vorgelesenen Texte und der Förderung junger, noch unbekannter Autoren. ![]()
Die Gruppe 47 setzte sich zum Ziel, die deutschsprachige Literatur nach dem Untergang des "Dritten Reichs" zu erneuern und nicht nur die Nachkriegsliteratur, sondern auch die Demokratisierung der Gesellschaft zu fördern.
Im Hinblick auf die Vorgeschichte erläuterte Richter später: „Der Ursprung der Gruppe 47 ist politisch-publizistischer Natur. Nicht Literaten schufen sie, sondern politisch engagierte Publizisten mit literarischen Ambitionen.“
Die Gruppe 47 besaß keine Organisationsform, keine feste Mitgliederliste und kein literarisches Programm, nur wenige Grundsätze, etwa keine faschistischen oder militärischen Texte zuzulassen. Wen er zu den Treffen der Gruppe einlud, entschied Richter persönlich. Es kamen immer neue Autoren zu den Treffen der Gruppe 47. So debütierte im Jahre 1951 bei der Tagung Heinrich Böll, oder 1952 Paul Celan, welcher aber keinen Erfolg mit seiner Lesung hatte.
Der sogenannte »Preis der Gruppe 47« erwies sich für viele Ausgezeichnete als Beginn ihrer literarischen Karriere. Auf Anregung Franz Joseph Schneiders wurde er 1950 ins Leben gerufen, der im Unterschied zu den etablierten Literaturpreisen als Förderpreis für noch unbekannte Autoren gedacht war. Zu einem der größten Erfolge der Gruppe 47 wurde Preisträger Günter Grass, der 1958 das erste Kapitel seines noch unveröffentlichten Romans »Die Blechtrommel« las. Die Lesung machte den bis dahin unbekannten Autor schlagartig berühmt, die Verlage wetteiferten um das unfertige Manuskript.
Seit Beginn der 50er Jahre war die Gruppe immer stärker in den öffentlichen Fokus gerückt. Inzwischen wurden die jährlich stattfindenen Tagungen als öffentliche Ereignisse wahrgenommen und von den Medien verbreitet. Die Gruppe 47 wurde zu einer einflussreichen Institution im Kulturbetrieb der Bundesrepublik, an deren Tagungen bedeutende zeitgenössische Autoren und Literaturkritiker teilnahmen.
Der Ablauf der Veranstaltungen wurde professioneller und verlor die kameradschaftliche Atmosphäre der frühen Treffen. Richter sah sich die Teilnehmer in drei Gruppierungen spalten: einige wenige junge Autoren, die noch lasen, die reinen Kritiker, „die alles besser wissen“ und eine große Gruppe derjenigen, die nur noch zuhörten. Die früheren Mitglieder blieben immer öfter den Treffen fern. Die Kritik an den Texten kam inzwischen nicht mehr von anderen Autoren, sondern wurde fast ausschließlich von der Riege der anwesenden Berufskritiker geübt.
Im Jahr 1961 kam es zu internen Debatten um den Fortbestand der Gruppe 47. Die Kritik an der Kritik entzündete sich besonders an der Person Reich-Ranickis, dessen Schärfe im Urteil gefürchtet war. Verschiedene, vor allem ältere Mitglieder der Gruppe forderten seine Ausladung, gegen die sich Richter aber letztendlich aussprach. In Princeton griff Neumitglied Peter Handke, der zuvor mit seiner Lesung durchgefallen war, die Gruppe direkt an und verurteilte im Stile seiner Publikumsbeschimpfung Autoren für die „Beschreibungsimpotenz“ ihrer „ganz dummen und läppischen Prosa“ und Kritiker für „ihr überkommenes Instrumentarium“ gleichermaßen.
Auch die politischen Angriffe auf die Gruppe kamen inzwischen nicht mehr nur aus konservativer Richtung, wie dies bereits seit ihren
Anfangstagen - Menschen wie Ulrike Meinhof griffen die Gruppe 47 aus einer linken Position an. In einem im Oktober 1967 verfassten Leitartikel meinte sie, dass im Unterschied zu einer neuen Generation von Schriftstellern, die sich als radikal links begriff, die Gruppe 47 „nie linker als die SPD gewesen“ sei.
Zum letzten Treffen kam es 1967 als die Tagung von Protesten einiger Studenten gestört wurde. Sie warfen der Gruppe eine unpolitische Haltung vor und innerhalb der Gruppe brachen ideologische Differenzen auf.
Hans Werner Richter plante noch ein abschließendes Treffen 1968, was aber nie verwirklicht wurde. Die Gruppe 47, die laut Richter nie wirklich gegründet wurde, löste sich somit auch nie offiziell auf. Richter lud einfach nicht mehr ein. Joachim Kaiser zog das Fazit: „Zum Ende der Gruppe 47 führte hauptsächlich der Umstand, daß sie zu alt wurde. So kam einiges zusammen: Überalterung der Gruppe, heftige Politisierung ihrer Mitglieder und der Umstand, daß die Gruppe nicht mehr das gewesen ist, was sie am Anfang war, nämlich eine Art Avantgarde.“
Die Gruppe 47 war wohl so eine Art Avantgarde der literarischen Eventkultur.
Das irgendwie überschaubare literarische Trainingslager der alten Bundesrepublik war damit zu Ende - als fortlebender Mythos auch noch in unseren Zeiten des ganz großen Kulturspektakels.
"Was die Gruppe '47 ist? Das ist sehr schwer zu beantworten," so Richter. "Ich sage immer: ein Freundeskreis. Und sie wissen, dass Enzensberger gesagt hat, jeder hätte immer nur drei Freunde in der Gruppe '47. Und sie sind sicher auch nicht alle mit mir befreundet. Aber ich glaube, dass ich mit allen befreundet bin."
Gedenktafel für die Gruppe 47 an der Ostsee                                                     Quellen: Wikipedia, uni-ulm.de

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